Im Spreewald

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Der Spreewald hat an manchen Stellen etwas von Urwald. Um dieses Gefühl zu erleben, habe ich ein Paddelboot ausgeliehen, um die zahlreichen Wasserstraßen entlang zu fahren.

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In dem von Waldboden braun gefärbtem Wasser, keine anderen Menschen in Sicht, könnte jetzt neben dem Boot ein Aligator auftauchen.

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Neben der Ruhe, die dort von mir Besitz ergreift, faszinieren vor allem die zahlreichen Insekten, die über die Wasseroberfläche schwirren. Die blauen Libellen sind ein wunderbares Erlebnis. Oft hängen zwei zusammen, vergleichbar einer Luftbetankung von Flugzeugen.

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Stundenlang hätte ich das Boot einfach so treiben lassen und die Umgebung auf mich wirken lassen können – habe keine Lust, die Natur zu stören.

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Der Wald spiegelt sich in einer der Wasserstraßen.

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Mit einer Karte der Wasserwege ausgetattet, verfahre ich mich nicht.

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Angenehm ist es unter den Bäumen, da brennt die Sonne nicht so im Nacken.
Im nächsten Bild habe ich versucht, eine der Libellen zu fotografieren. Auch deren Blau spiegelt sich im Wasser.

Libelle

Leipzig 4

In einem Artikel haben wir gelesen, dass es die Kunstszene inzwischen nach Plagwitz ziehen würde. Gewohnt werde zwar weiterhin in der Südvorstadt, doch die Ateliers der Schaffenden seien in das ehemalige Industrieviertel umgezogen, das die Stadt nach der politischen Wende in den 90er Jahren zu einem Innovationsstandort ausbauen wollte. Rein äußerlich ist davon nicht viel zu sehen. Schon auf dem Weg in den Westbezirk kommen wir an zahlreichen Industrieleichen vorbei, an Bauten, die zerfallen sind und an denen die Natur begonnen hat, sich verlorenes Terrain zurückzuholen.

Wir steigen am Busbahnhof in Lindenau aus, laufen die Saalfelder Straße entlang in Richtung S-Bahnhof Plagwitz und erreichen vor der Bahnunterführung die Spinnereistraße. Hier war einst Europas größte Baumwollspinnerei, so heißt es zumindest auf der Website. Auf den ersten Blick ist davon nicht viel übrig geblieben. Der Blick in die Straße zeigt verfallene Häuser, eingeschlagene Fensterscheiben, eingefallene Mauern und: keinerlei Menschen. Wir lassen uns nicht abhalten und laufen etwa 200 Meter in die Straße rein. Da, links durch die Büsche sehen wir einen Garten mit Tischen und Stühlen. Und zwei Menschen, die frühstücken. über eine große Einfahrt treten wir auf ein Industriegelände, dass aus vielen Bauten besteht, deren Größe und Anzahl wir nur anhand eines Plans überschauen können. Ateliers von Künstlern, Büros von Freischaffenden, Kulturinitiativen, sie alle scheinen hier einen Platz für ihre Arbeit gefunden zu haben. Sieht gut aus. Aber zum Leben ist das hier nichts. Wenn dann zum Arbeiten. Und Menschen sind hier auch kaum zu sehen. Das mag allerdings am Samstagvormittag liegen. Der Belegungsplan versucht uns auch vom Gegenteil zu überzeugen.

Fünf Minuten später haben wir den S-Bahnhof Plagwitz erreicht. Grau sind die Häuser dort. Wir steigen in die nächste Bahn nachdem wir beschlossen haben, das Viertel aufzusuchen, das uns vom Namen her mehr suggeriert. Das Waldstraßenviertel im Zentrum-West. Am Waldplatz steigen wir aus. Von hier können wir direkt das Zentrum Leipzigs erblicken.

Wir laufen die Jahnallee ein Stück entlang und biegen dann links in die Tschaikowskistraße. Da stehen auch überall Altbauten, allerdings herrschaftlicher Bauweise. Durch die Fenster erkennen wir Stuck, in der Mitte der hohen Decken hin und wieder auch einen Kronleuchter. Viele Rechtsanwälte haben sich hier mit ihren Kanzleien niedergelassen. Auch Psychotherapeuten mit ihren Praxen. Und Wohnraum gibt es auch. Selbst hier sind an vielen Etagenfenstern Mietangebote angebracht. Schön ist es hier. Idyllisch. Vielleicht zuviel von dem Ganzen. Vielleicht schon zu spießig, zu gesetzt. Und Alternativangebote zum allabendlichen Daheimsitzen gibt es auch hier nicht. Wir sehen zwei Restaurants. Und am westlichen Ende des Viertels das Zentralstadion. Davor scheint samstags Floh- sowie Obst- und Gemüsemarkt zu sein.

Über die Könneritzbrücke versuchen wir es noch einmal mit Schleußig und Plagwitz. Wir suchen einen weiteren Zugang zu den zwei Bezirken. Vielleicht gibt es ja doch noch eine Überraschung. Tags zuvor hatten wir sie nur im Vorbeifahren erspäht, jetzt überquerten wir die Stahlkonstruktion über die Weiße Eltser zu Fuß. Die Bauten am Wasser gefallen uns gut, da könnte man leben. Meinetwegen auch zu Hause bleiben. Der Balkon an dieser Stelle würde für einiges entlohnen. (Doch wie ein Blick in den Leipziger Wohnungsmarkt später zeigen wird, sind diese Wohnungen natürlich vergeben.) Wir laufen die Ernst-Mey-Straße weiter und gelangen schließlich – mit ansonsten keinen neuen Eindrücken – auf die Karl-Heine-Straße.

Die Sonne scheint, es ist warm und es ist Westbesuch, ein Kultur- und Straßenfest. Auf der Karl-Heine-Straße ist viel los. In einigen Straßenläden stellen Künstler ihre Arbeiten aus, an Ständen werden Klamotten und allerhand Accessoires angeboten. DJ’s legen Platten auf, Kinder rennen einem vor die Bein, an einem Straßeneck weht einem der Duft von Bratwurst entgegen. Im „Noch Besser Leben“ finden wir einen Laden, der uns gut gefällt. Hier bleiben wir ein wenig und kommen mit drei Studenten ins Gespräch, die ursprünglich aus Dortmund und Oldenburg stammen. Die erzählen uns, dass man versuche, das Viertel nach Vorne zu bringen, dass das Angebot langsam, aber immerhin kontinuierlich, ausgebaut werde. Und wenn es einem zu wenig sei, dann solle man doch selbst was auf die Beine stellen. Eine Möglichkeit, die ich kurz davor auch schon in Erwägung gezogen hatte. Ladenlokale scheint es zu sehr moderaten Preisen zu geben, so dass ich einige Ideen vielleicht mal in die Tat umsetzen könnte.

Es ist später Nachmittag und langsam neigt sich unser Besuch dem Ende entgegen. Die Beine sind müde und wir setzen uns noch einmal in die Bahn und fahren ohne konkretes Ziel durch die Stadt. Durch Gohlis-Süd kommen wir bis Eutritzsch. Dann wieder zurück ins Zentrum. Da wir uns insgesamt ein wenig mehr von Leipzig erwartet hatten, sind wir nun von unseren Eindrücken und den Gedanken dazu gefangen. Wir beschließen, dies alles setzen zu lassen und nach einigen Tagen über Möglichkeiten und Perspektiven zu sprechen.

Auf der Rückfahrt kommen wir wieder an den zahlreichen Windparks vorbei. Ich genieße deren Anblick und komme zur Ruhe.

Leipzig 3

Nach Schleußig machen wir uns auf den Weg mit der Tram. Das öffentliche Verkehrsnetz in Leipzig ist gut aufgebaut und wir müssen nie lange warten, um von einem Ort zum anderen zu gelangen. Unterwegs wundern wir uns, dass im Zentrumsbereich die Ansagen über Anschlussmöglichkeiten dreisprachig vom Band laufen. Neben Englisch und Deutsch gibt es dort auch noch eine französische Version. Das habe ich in noch keiner deutschen Stadt erlebt.

Wir überqueren die Weiße Elster und sind zum ersten Mal so richtig angetan von der Stadt. Natur und Ruhe, das werden wir hier auf jeden Fall finden, da sind wir uns sicher. Und mehrere idyllische Orte zum Picknicken. Schöne Brücken überspannen den Fluss, links breitet sich ein großer Park in Richtung Süden aus, „Die Nonne“, rechts erhaschen wir aus der Bahn einen kurzen Blick auf die Könneritzbrücke, die wir einen Tag später auch zu Fuss überqueren werden. Wir steigen aus an der Station Stieglitzstraße. Und sind überrascht.

Gleich an der Bahnstation befindet sich eine Art Bistro, daneben ein Bioladen und einige Häuser weiter noch ein Bäcker. Sollte dies unser Bezirk werden? Bei einem Blick in die Seitenstraßen kommt es allerdings sofort wieder zur Ernüchterung. Auch hier ein ähnliches Bild, wie in den bereits besuchten Vierteln. Altbauten säumen die Straßen, auf den Gehwegen sind auch hier nur selten Menschen zu sehen und mit den drei erwähnten Läden sind auch schon die Attraktionen aufgezählt.

Also machen wir einen kleinen Abstecher in den Park. Dort fühlen wir uns wohl. „Wie ist es wohl, im Winter durch diesen Park mit dem Fahrrad nach Hause zu fahren?“ Wir gehen die Straßen in Schleußig auf und ab und überlegen: Was machen die Menschen hier in ihrer Freizeit? Fernsehen? Kochen? Sich in den Wohnungen mit Freunden treffen?

Wir brauchen nun erst einmal ein wenig Ruhe. Im Zentrum finden wir noch einen offenen Supermarkt, wir decken uns für eine abendliche Brotzeit ein, fahren hinaus an den Auensee, um die letzten Abendstunden entspannt zu genießen und den Füßen ein wenig Ruhe zu gönnen. Es fängt an zu regnen, doch glücklicherweise halten die Blätter der Kastanie fast alle Tropfen von uns ab.

(Fortsetzung)

Leipzig 2

Es geht in die Südvorstadt. Von der Karl-Liebknecht-Straße haben wir gehört, dass dort das Leben brummen soll, dass dort das Nachtleben stattfinden soll, dort würden die jungen Menschen ausgehen, dort würde der Wohnraum aufgrund dieses attraktiven Umfeldes knapp und teurer sein. Wir tasten uns also erwartungsvoll diese Hauptstraße der Südvorstatt vor und erwarten ein ähnliches Umfeld wie in der Dresdner Neustadt, ein Zentrum jungen Lebens. Leider ist dem in Leipzig nicht so. Eine Straße, die bereits erwähnte Karl-Liebknecht-Straße, bietet einige Kneipen und Cafes, alle äußerlich in ähnlicher Manier, überall die riesigen Sonnenschirme großer Brauereien oder Getränkeproduzenten vor den Eingängen, manchmal sogar die Bestuhlung in den Farben des Sponsors gehalten. Das hatten wir uns anders vorgestellt.

In den Seitenstraßen dann ist das Leben ganz verpufft. Es handelt sich dort um reine Wohnstraßen, in denen sich ein sanierter Altbau an den nächsten reiht. Die Szene erinnert mich an das perspektivische Zeichnen zu Schulzeiten. Fluchten ist der richtige Begriff. Die leeren Straßen starren uns an. Keine kleinen Läden, auch keine großen, keine Cafes. Wohnen ist hier angesagt. Dies aber bestimmt schön. An vielen der Häuser – allerdings an weniger als in anderen Bezirken – sehen wir Zettel mit dem Angebot von Wohnungen und wissen zumindest eines: Eine Wohnung werden wir hier leichter finden als in anderen Städten.

In Connewitz ein ähnliches Bild, nur die Dichte an Ablenkungsmöglichkeiten hat noch weiter abgenommen. Dafür hat die Dichte der Punks zugenommen. Vor einem Gemüseladen haben sie sich an einer Straßenecke zur Bornaischen Straße niedergelassen und feiern den Beginn des Wochenendes. Es sei ihnen gegönnt. Der Verkäufer eines linken Bücherantiquariats schafft es gerade so „Hallo“ zu sagen, aus seinem kleinen Hinterraum kommt er gar nicht erst nach vorne in den Laden. Ein Stückchen weiter sehen wir das erste Cafe, dass uns rein äußerlich gefüllt. Leider haben wir zu diesem Moment keine Lust auf Pause. Wir wollen weiter. Schleußig hatte ein Freund gesagt, sei im Kommen. Die Hoffnung darauf treibt uns weiter. Gleichzeitig beginnnen wir aber auch zu denken: Vielleicht sind wir einfach zu verwöhnt, zu anspruchsvoll?

(Fortsetzung)

Leipzig 1

Es ist reine Spekulation, wie sich der Osten Deutschlands entwickelt hätte, wäre Adolf Hitler nicht gewesen und somit auch keine deutsche Teilung. Eines kann aber wohl mit Sicherheit gesagt werden. Es wäre anders verlaufen.

Ab Oktober diesen Jahres ist es geplant, den Lebensmittelpunkt für fünf Jahre nach Leipzig zu verlegen. Also war es mal langsam an der Zeit, sich ein Bild von der Stadt zu machen, in die es gehen soll, von der ein Student in Goethes Faust sagt: „Mein Leipzig lob‘ ich mir! Es ist ein klein Paris und bildet seine Leute.“ Das hörte sich doch ziemlich gut an und auch der herangezogene Vergleich von Freunden, Leipzig sei in etwa wie Dresden, machte mir Hoffnung, ich werde es in der Stadt schon aushalten. Mit Berlin vom kulturellen Angebot zwar bestimmt nicht vergleichbar, aber dennoch lebenswert und durchaus attraktiv. Außerdem gibt es da ja einige Universitäten, eine Messe und einen Flughafen. Da muss also ein wenig was los sein, dachte ich, von der Hauptstadt verwöhnt, in der es zahlreiche Kneipen und Cafes gibt, in denen ich mich wohlfühle und die Gedanken mal treiben lassen kann, in der ich am Wochenende Ausstellungen besuche, in denen das Zwei-Wochen-Programm in Magazine passt, die vom Umfang her das Geschehen eines ganzen Jahres mancher Städte festhalten können.

Die zahlreichen Windparks entlang der A9 gefielen mir dann auch schon einmal relativ gut. Ich mag diese dünnen, aus der Erde ragenden Stäbe, an deren Ende sich die drei Rotorbblätter drehen. Das sieht skuril aus und hat gleichzeitig etwas sehr Ästethisches, auch wenn sie von der Natur nicht vorgesehen waren. Kommen zum Abend hin noch die roten Warnleuchten hinzu, die in kurzen Abständen an den Spitzen aufblinken, dann ist das ein schönes Schauspiel, das mich jedes mal wieder erfreut. Außerdem überquert man die Elbe und Mulde, die sich mit ihren wilden und unbefestigten Ufern idyllisch durch die sächsiche Landschaft schlängeln.

Von der A9 ging es dann auf die A14. Links liegt der Tower des Flughafens, rechts ein moderner Bahnhof, dessen Bahnsteige mit zeltartigen Planen zu überdacht scheinen, die Leichtigkeit vermitteln. Leichtigkeit machte sich indes aber nicht in meinem Kopf breit. Ich sah kein einziges Flugzeug starten und landen, kein ICE, der vollbesetzt an unserem Auto in die kreisfreie Stadt vorbeischoss. Nur einige wenige Leute standen im verglasten Terminal des Airports und blickten in die Weite der bergfreien Landschaft.

An der Anschlussstelle Leipzig-Mitte verließen wir die Autobahn und fuhren in Richtung Zentrum. Es ging vorbei an den Stadtteilen Wiederitzsch, Mockau und Eutritzsch. Die Straßen säumten zum Teil heruntergekommene Industrieviertel, Autohändler, die Büros und Produktionsstädten kleinerer Unternehmen. Unter einer Plane war ein Versorgungsanhänger der Bundeswehr aufgestellt, aus deren Kübeln drei verschiedene Eintöpfe angeboten wurden. Immerhin keine grauen Plattenbauten. Im Hintergrund waren zwei große Türme zu sehen. Einer trug an seiner Spitze das Logo der Messe, ein anderer das des MDR. Etwas kleiner daneben war eines der Türmchen des Neuen Rathauses zu sehen.

31 Stunden Zeit hatten wir uns gegeben, um uns ein Bild von der Stadt zu machen, eine Gegend zu finden, in der sich Arbeit und Freizeit verbinden lassen, in der man mal kurz vom Schreibtisch aufstehen und vor die Tür gehen kann, um sich bei einem Tee und der Zeitungslektüre entweder ein wenig abzulenken oder um auf einen neuen Gedanken zu kommen. 31 Stunden abzüglich einiger Rast-, Verweil- und Essenspausen sowie der Nachtruhe. Blieben also gut noch 17 Stunden reine Besuchszeit übrig, die wir zu Fuss die Stadt ablaufen wollten, hin und wieder auch mal auf öffentliche Verkehrsmittel ausweichend. Konzentrieren wollten wir uns vor allem auf den Süden, ausgehend vom Zentrum. Diese Gegend wurde uns wärmstens empfohlen, dort würden wir finden, was wir suchen. Hinaus in die Südvorstadt bis nach Connewitz, dann einen Schlenk nach Westen in die Bezirke Schleußig und Plagwitz, einen Teil von Lindenau und dann wieder in Richtung Norden zum Zentrum-West mit seinem Waldstraßenviertel, das uns einfach schon aufgrund seines Namens interessierte.

Wir starteten also am Hauptbahnhof und gingen direkt in das Zentrum der Stadt. Die Läden der Ketten, wie in allen Städten dieser Welt, zierten die engen Gassen, die von restaurierten Renaissance- und Jugendstilbauten gesäumt sind. Am Augustusplatz, gegenüber des neuen Gewandhauses befindet sich momentan eine riesige Baugrube. Die Universität errichtet dort ein neues Gebäude. In einer anderen Gasse, ich weiß nicht mehr, ob es die Thomasstraße oder das Barfußgässchen war, reihte sich ein Gasthaus an das andere, die meisten gut besucht, womöglich von Touristen, so dass nur schwer durchzukommen war.

Über die Moritzbastei gelangten wir in das Zentrum-Süd und besuchten die Hochschule für Grafik und Buchkunst, die einem von uns den zukünftigen Arbeitsmittelpunkt geben wird. Leider war der Lichthof aufgrund eines Projektes nicht einsehbar und alles wirkte deshalb ein wenig eng. Aber glücklicherweise ja nur temporär.

(Fortsetzung)