Leipzig 1

Es ist reine Spekulation, wie sich der Osten Deutschlands entwickelt htte, wre Adolf Hitler nicht gewesen und somit auch keine deutsche Teilung. Eines kann aber wohl mit Sicherheit gesagt werden. Es wre anders verlaufen.

Ab Oktober diesen Jahres ist es geplant, den Lebensmittelpunkt fr fnf Jahre nach Leipzig zu verlegen. Also war es mal langsam an der Zeit, sich ein Bild von der Stadt zu machen, in die es gehen soll, von der ein Student in Goethes Faust sagt: “Mein Leipzig lob’ ich mir! Es ist ein klein Paris und bildet seine Leute.” Das hrte sich doch ziemlich gut an und auch der herangezogene Vergleich von Freunden, Leipzig sei in etwa wie Dresden, machte mir Hoffnung, ich werde es in der Stadt schon aushalten. Mit Berlin vom kulturellen Angebot zwar bestimmt nicht vergleichbar, aber dennoch lebenswert und durchaus attraktiv. Auerdem gibt es da ja einige Universitten, eine Messe und einen Flughafen. Da muss also ein wenig was los sein, dachte ich, von der Hauptstadt verwhnt, in der es zahlreiche Kneipen und Cafes gibt, in denen ich mich wohlfhle und die Gedanken mal treiben lassen kann, in der ich am Wochenende Ausstellungen besuche, in denen das Zwei-Wochen-Programm in Magazine passt, die vom Umfang her das Geschehen eines ganzen Jahres mancher Stdte festhalten knnen.

Die zahlreichen Windparks entlang der A9 gefielen mir dann auch schon einmal relativ gut. Ich mag diese dnnen, aus der Erde ragenden Stbe, an deren Ende sich die drei Rotorbbltter drehen. Das sieht skuril aus und hat gleichzeitig etwas sehr stethisches, auch wenn sie von der Natur nicht vorgesehen waren. Kommen zum Abend hin noch die roten Warnleuchten hinzu, die in kurzen Abstnden an den Spitzen aufblinken, dann ist das ein schnes Schauspiel, das mich jedes mal wieder erfreut. Auerdem berquert man die Elbe und Mulde, die sich mit ihren wilden und unbefestigten Ufern idyllisch durch die schsiche Landschaft schlngeln.

Von der A9 ging es dann auf die A14. Links liegt der Tower des Flughafens, rechts ein moderner Bahnhof, dessen Bahnsteige mit zeltartigen Planen zu berdacht scheinen, die Leichtigkeit vermitteln. Leichtigkeit machte sich indes aber nicht in meinem Kopf breit. Ich sah kein einziges Flugzeug starten und landen, kein ICE, der vollbesetzt an unserem Auto in die kreisfreie Stadt vorbeischoss. Nur einige wenige Leute standen im verglasten Terminal des Airports und blickten in die Weite der bergfreien Landschaft.

An der Anschlussstelle Leipzig-Mitte verlieen wir die Autobahn und fuhren in Richtung Zentrum. Es ging vorbei an den Stadtteilen Wiederitzsch, Mockau und Eutritzsch. Die Straen sumten zum Teil heruntergekommene Industrieviertel, Autohndler, die Bros und Produktionsstdten kleinerer Unternehmen. Unter einer Plane war ein Versorgungsanhnger der Bundeswehr aufgestellt, aus deren Kbeln drei verschiedene Eintpfe angeboten wurden. Immerhin keine grauen Plattenbauten. Im Hintergrund waren zwei groe Trme zu sehen. Einer trug an seiner Spitze das Logo der Messe, ein anderer das des MDR. Etwas kleiner daneben war eines der Trmchen des Neuen Rathauses zu sehen.

31 Stunden Zeit hatten wir uns gegeben, um uns ein Bild von der Stadt zu machen, eine Gegend zu finden, in der sich Arbeit und Freizeit verbinden lassen, in der man mal kurz vom Schreibtisch aufstehen und vor die Tr gehen kann, um sich bei einem Tee und der Zeitungslektre entweder ein wenig abzulenken oder um auf einen neuen Gedanken zu kommen. 31 Stunden abzglich einiger Rast-, Verweil- und Essenspausen sowie der Nachtruhe. Blieben also gut noch 17 Stunden reine Besuchszeit brig, die wir zu Fuss die Stadt ablaufen wollten, hin und wieder auch mal auf ffentliche Verkehrsmittel ausweichend. Konzentrieren wollten wir uns vor allem auf den Sden, ausgehend vom Zentrum. Diese Gegend wurde uns wrmstens empfohlen, dort wrden wir finden, was wir suchen. Hinaus in die Sdvorstadt bis nach Connewitz, dann einen Schlenk nach Westen in die Bezirke Schleuig und Plagwitz, einen Teil von Lindenau und dann wieder in Richtung Norden zum Zentrum-West mit seinem Waldstraenviertel, das uns einfach schon aufgrund seines Namens interessierte.

Wir starteten also am Hauptbahnhof und gingen direkt in das Zentrum der Stadt. Die Lden der Ketten, wie in allen Stdten dieser Welt, zierten die engen Gassen, die von restaurierten Renaissance- und Jugendstilbauten gesumt sind. Am Augustusplatz, gegenber des neuen Gewandhauses befindet sich momentan eine riesige Baugrube. Die Universitt errichtet dort ein neues Gebude. In einer anderen Gasse, ich wei nicht mehr, ob es die Thomasstrae oder das Barfugsschen war, reihte sich ein Gasthaus an das andere, die meisten gut besucht, womglich von Touristen, so dass nur schwer durchzukommen war.

ber die Moritzbastei gelangten wir in das Zentrum-Sd und besuchten die Hochschule fr Grafik und Buchkunst, die einem von uns den zuknftigen Arbeitsmittelpunkt geben wird. Leider war der Lichthof aufgrund eines Projektes nicht einsehbar und alles wirkte deshalb ein wenig eng. Aber glcklicherweise ja nur temporr.

(Fortsetzung)

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