Leipzig 4

In einem Artikel haben wir gelesen, dass es die Kunstszene inzwischen nach Plagwitz ziehen würde. Gewohnt werde zwar weiterhin in der Südvorstadt, doch die Ateliers der Schaffenden seien in das ehemalige Industrieviertel umgezogen, das die Stadt nach der politischen Wende in den 90er Jahren zu einem Innovationsstandort ausbauen wollte. Rein äußerlich ist davon nicht viel zu sehen. Schon auf dem Weg in den Westbezirk kommen wir an zahlreichen Industrieleichen vorbei, an Bauten, die zerfallen sind und an denen die Natur begonnen hat, sich verlorenes Terrain zurückzuholen.

Wir steigen am Busbahnhof in Lindenau aus, laufen die Saalfelder Straße entlang in Richtung S-Bahnhof Plagwitz und erreichen vor der Bahnunterführung die Spinnereistraße. Hier war einst Europas größte Baumwollspinnerei, so heißt es zumindest auf der Website. Auf den ersten Blick ist davon nicht viel übrig geblieben. Der Blick in die Straße zeigt verfallene Häuser, eingeschlagene Fensterscheiben, eingefallene Mauern und: keinerlei Menschen. Wir lassen uns nicht abhalten und laufen etwa 200 Meter in die Straße rein. Da, links durch die Büsche sehen wir einen Garten mit Tischen und Stühlen. Und zwei Menschen, die frühstücken. über eine große Einfahrt treten wir auf ein Industriegelände, dass aus vielen Bauten besteht, deren Größe und Anzahl wir nur anhand eines Plans überschauen können. Ateliers von Künstlern, Büros von Freischaffenden, Kulturinitiativen, sie alle scheinen hier einen Platz für ihre Arbeit gefunden zu haben. Sieht gut aus. Aber zum Leben ist das hier nichts. Wenn dann zum Arbeiten. Und Menschen sind hier auch kaum zu sehen. Das mag allerdings am Samstagvormittag liegen. Der Belegungsplan versucht uns auch vom Gegenteil zu überzeugen.

Fünf Minuten später haben wir den S-Bahnhof Plagwitz erreicht. Grau sind die Häuser dort. Wir steigen in die nächste Bahn nachdem wir beschlossen haben, das Viertel aufzusuchen, das uns vom Namen her mehr suggeriert. Das Waldstraßenviertel im Zentrum-West. Am Waldplatz steigen wir aus. Von hier können wir direkt das Zentrum Leipzigs erblicken.

Wir laufen die Jahnallee ein Stück entlang und biegen dann links in die Tschaikowskistraße. Da stehen auch überall Altbauten, allerdings herrschaftlicher Bauweise. Durch die Fenster erkennen wir Stuck, in der Mitte der hohen Decken hin und wieder auch einen Kronleuchter. Viele Rechtsanwälte haben sich hier mit ihren Kanzleien niedergelassen. Auch Psychotherapeuten mit ihren Praxen. Und Wohnraum gibt es auch. Selbst hier sind an vielen Etagenfenstern Mietangebote angebracht. Schön ist es hier. Idyllisch. Vielleicht zuviel von dem Ganzen. Vielleicht schon zu spießig, zu gesetzt. Und Alternativangebote zum allabendlichen Daheimsitzen gibt es auch hier nicht. Wir sehen zwei Restaurants. Und am westlichen Ende des Viertels das Zentralstadion. Davor scheint samstags Floh- sowie Obst- und Gemüsemarkt zu sein.

Über die Könneritzbrücke versuchen wir es noch einmal mit Schleußig und Plagwitz. Wir suchen einen weiteren Zugang zu den zwei Bezirken. Vielleicht gibt es ja doch noch eine Überraschung. Tags zuvor hatten wir sie nur im Vorbeifahren erspäht, jetzt überquerten wir die Stahlkonstruktion über die Weiße Eltser zu Fuß. Die Bauten am Wasser gefallen uns gut, da könnte man leben. Meinetwegen auch zu Hause bleiben. Der Balkon an dieser Stelle würde für einiges entlohnen. (Doch wie ein Blick in den Leipziger Wohnungsmarkt später zeigen wird, sind diese Wohnungen natürlich vergeben.) Wir laufen die Ernst-Mey-Straße weiter und gelangen schließlich – mit ansonsten keinen neuen Eindrücken – auf die Karl-Heine-Straße.

Die Sonne scheint, es ist warm und es ist Westbesuch, ein Kultur- und Straßenfest. Auf der Karl-Heine-Straße ist viel los. In einigen Straßenläden stellen Künstler ihre Arbeiten aus, an Ständen werden Klamotten und allerhand Accessoires angeboten. DJ’s legen Platten auf, Kinder rennen einem vor die Bein, an einem Straßeneck weht einem der Duft von Bratwurst entgegen. Im „Noch Besser Leben“ finden wir einen Laden, der uns gut gefällt. Hier bleiben wir ein wenig und kommen mit drei Studenten ins Gespräch, die ursprünglich aus Dortmund und Oldenburg stammen. Die erzählen uns, dass man versuche, das Viertel nach Vorne zu bringen, dass das Angebot langsam, aber immerhin kontinuierlich, ausgebaut werde. Und wenn es einem zu wenig sei, dann solle man doch selbst was auf die Beine stellen. Eine Möglichkeit, die ich kurz davor auch schon in Erwägung gezogen hatte. Ladenlokale scheint es zu sehr moderaten Preisen zu geben, so dass ich einige Ideen vielleicht mal in die Tat umsetzen könnte.

Es ist später Nachmittag und langsam neigt sich unser Besuch dem Ende entgegen. Die Beine sind müde und wir setzen uns noch einmal in die Bahn und fahren ohne konkretes Ziel durch die Stadt. Durch Gohlis-Süd kommen wir bis Eutritzsch. Dann wieder zurück ins Zentrum. Da wir uns insgesamt ein wenig mehr von Leipzig erwartet hatten, sind wir nun von unseren Eindrücken und den Gedanken dazu gefangen. Wir beschließen, dies alles setzen zu lassen und nach einigen Tagen über Möglichkeiten und Perspektiven zu sprechen.

Auf der Rückfahrt kommen wir wieder an den zahlreichen Windparks vorbei. Ich genieße deren Anblick und komme zur Ruhe.

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Kommentare

One Response to “Leipzig 4”

  1. Leipzig 3 | b4shot.de on Juli 9th, 2007 20:04

    […] Leipzig 4 […]

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