Ab in die Heimat

Die Straßen in Neukölln sind leerer geworden. Der Besitzer des kleinen Trödelladens vorne am Eck hat sich für sechs Wochen auf den Weg in die Osttürkei gemacht, in das Gebiet nahe der iranischen und aserbaidschanischen Grenze. Drei ganze Tage und noch einen halben ist er dorthin unterwegs, über den gesamten Zeitraum der Sommerferien. Seinen Laden führt ein Bekannter in dieser Zeit weiter. Ich weiß nicht, was zwischen den beiden abgemacht ist, aber regelmäßig macht die Vertretung nicht auf.
Die Frau des Mannes, den ich jeden morgen beim Bäcker treffe, ist ebenfalls für vier Wochen in ihre türkische Heimat gereist, etwa in die selbe Gegend wie der Trödelbesitzer. Sie ist geflogen, zweieinhalb Stunden, hat der Mann mir erzählt. Er und sein Sohn schaffen es diesen Sommer leider nicht, sie haben keinen Urlaub bekommen, ansonsten wären sie auch zusammen mit dem Auto losgefahren. Seine Frau trifft nicht nur viele Verwandte und Freunde, die dort leben, sondern auch Schwestern, die seit über 20 Jahren in der Nähe von Köln wohnen.
Die Sprechstundenhilfe meiner Zahnärztin ist für drei Wochen ans östliche Schwarze Meer geflogen, der Gegend, aus der ihre Eltern kommen. Es ist für sie ihre Heimat, sagt sie, obwohl sie hier geboren ist. Ihre Ferien wird sie in der Nähe von Trabzon verbringen. Letztes Jahr hat sie es nicht geschafft, doch dieses Mal hat sie wieder die Reisekosten zusammenbekommen.
Der kleine arabische Laden vorne an der anderen Straßenecke, der in dem sich die Besucher immer zum Wasserpfeife rauchen treffen, ist seit einigen Tagen nicht mehr so gut besucht. Nur noch vereinzelt treffen sich dort die Männer, die ansonsten das gesamte Eck bevölkern.
Die Straßen in Neukölln sind leerer geworden, die Menschen fahren nach Hause.

Be Sociable, Share!

Kommentare

Leave a Reply