At the end of the day: Bill Clinton

So eine Messe ist kein Zuckerschlecken, auch wenn sie in San Francisco stattfindet und einem die Amerikaner versuchen, alles so leicht wie möglich zu machen. Der Tag beginnt früh und endet spät, Termin folgt Termin, ein Interview dem anderen. Dazwischen klappert man mit der Müdigkeit des Jetlags im Körper die Stände im Ausstellerbereich ab, knüpft Kontakte und sucht – im Fall der Dreamforce – interessante und innovative Unternehmen und deren IT-Lösungen, von denen man glaubt, sie könnten auch für die Publikationen und Zielgruppen interessant sein, für die man arbeitet. Ruhe gibt es keine, immer befindet man sich in einem nicht zu unterschätzenden Geräuschpegel, immer sind zumindest hunderte Menschen um einen herum, manchmal auch tausende. Die Sinne werden stark beansprucht, manchmal überreizt. Quirliger Messealltag.

Während der Keynotes und der Reden von Prominenten war diese Halle gerammelt voll

Das sollen keine Beschwerden sein – es macht Spaß und es ist spannend zu sehen, wie ein solches Event in Amerika aufgezogen wird. Und interessante Themenansätze gibt es noch dazu. Das ändert sich auch nicht an dem Umstand, dass die Dreamforce eine unternehmenseigene Hausmesse ist, dass die Macher sich natürlich im besten Licht zeigen wollen. Die unternehmen vieles, die Besucher zufrieden zu stellen. Überall ist zu spüren: Der Kunde ist König. Immer wieder hört man den Satz: „If the customer wants…“

Schon auf den Zufahrtswegen stehen Mitarbeiter, die einem den Weg leiten, die einen fragen wo man hin wolle. Hunderte müssen es auf dem gesamten Messegelände sein, überall wird einem Orientierungshilfe angeboten. Gestern hat es außerdem noch geregnet. An den Eingängen wurden deshalb schmale Plastikhüllen verteilt, in Lang- und Kurzform, in die man seinen nassen Schirm stecken konnte – die gibt es auch überall in den Kaufhäusern und Geschäften. Mit Hilfe der Registrierungskarten und aufgrund der Möglichkeit, dass man sich im Vorfeld schon für die unterschiedlichsten Workshops und Vorträge anmelden konnte, ist gewährleistet, in den Räumen einen Sitzplatz zu bekommen – erst dürfen die in die Konferenzräume, die sich angemeldet haben.

Service ist hier das eine, Entertainment das andere. Der CEO präsentierte in der lockeren Form eines Showmasters sein Unternehmen – genauso wie die anderen Mitlieder des Executive Management Teams. Er lief bei seinen Präsentationen die riesige Bühne von links nach rechts, von vorne nach hinten und dann auch noch ab durch die langen Publikumsreihen. Er schüttelte Hände, grüßte während der Präsentation Mitarbeiter und Kunden, die er kennt und lockerte seine zwei Stunden dauernde Rede immer wieder auf – so zog er einmal sogar ein iPad aus der Hose, nachdem er schon bereits sechs Mobiltelefone aus den Jackettaschen hervorgeholt hatte, um die mobile Welt von heute zu beschreiben.

Nein, George W. Bush war nicht da - interviewt wurde ein lustiger Imitator

So eine Show ist natürlich nicht die Sache von jedermann. Und mir als Deutschem, der so etwas nicht gewohnt ist, kamen schnell Vergleiche mit Sekten in den Sinn. Das Produkt scheint hier viel stärker an Personen geknüpft zu sein als dies in Deutschland der Fall ist. Da kann man schon mal skeptisch werden. Beispiel: Da lief ein Interview mit CEO Marc Benioff im Fernsehen. Schnell versammelte sich eine große Menschentraube von Mitarbeitern um den Fernseher, die am Ende des Gesprächs klatschten und johlten: „Good job, good job…“ In Deutschland undenkbar. Bei uns stehen die Unternehmenslenker mit Anzug und Krawatte – Benioff trug während seiner Präsentationen Ringelsöckchen – hinter einem Pult und tragen ihren ausgedruckten Vortrag vor.

Interessant fand ich – dies ist aber auch dem Umstand geschuldet, dass es sich um die Messe eines IT-Unternehmens handelt -, welcher Stellenwert den Social Media eingeräumt wurde. Überall hingen Monitore, über die man die Twitter- und Chatter-Feeds zur Veranstaltung im Livestream verfolgen konnte. Immer wieder bezog man sich in den Vorträgen auf dort gemachte Äußerungen, reagierte, dementierte und griff die Ideen aktiv auf.

Gemeinsam mit anderen Journalisten aus Deutschland überlegte ich, ob eine solche Art von Event auch in Deutschland möglich wäre. Und wir kamen zu dem Ergebnis: momentan wohl eher (noch) nicht. Ein bisschen mehr in Deutschland, ein bisschen weniger in Amerika würde beiden Kulturen gut tun.

Was ich aus Deutschland auch nicht kenne, ist das mit Persönlichkeiten bespickte Rahmenprogramm. Vom Dienstag berichtete ich ja schon – da trat der wirklich grandiose Stevie Wonder auf, zum Teil begleitet von Will.i.am. Gestern Abend dann Bill Clinton. Die Erwartungen waren riesig. Und trotz hervorragender Organisation bildeten sich zum ersten Mal Schlangen von Menschen – bereits zwei Stunden vor Start. Das Thema war wichtig, Clinton sprach über Ungerechtigkeiten und Menschlichkeit auf der Erde. Allerdings hätte ich mir von ihm mehr erhofft – auch ein wenig Show. Oder lassen Sie mich eher Esprit sagen. Er fasste aber im Grunde nur zusammen, was bereits bekannt ist, trug Zahlen von den 60er-Jahren beginnend bis heute vor. Es fehlte die Vision und der Aufruf zu einem Wechsel in der Art und Weise des Zusammenlebens. Das war es, was ich mir erhofft hatte, dass er zumindest den Versuch unternimmt, die Leute mitzureißen und davon zu überzeugen, Missstände und Ungerechtigkeiten zu beseitigen.

Delicious-Links

Be Sociable, Share!

Kommentare

Leave a Reply