Zum Stehen fallenlassen

„Lasst euch fallen, zittert alles in den Boden, macht euch frei!“ Das sind die drei Hauptwünsche, die mein Karate- und Qi Gong-Lehrer Malte Loos an die anderen und mich hat. Ach ja, diesen auch noch: „Macht euch weich!“ Das ist leicht gesagt und fast alle, die zum ersten Mal dabei sind – vor allem beim Karate, müssen bei diesen Sätzen anfangen zu lachen.

Sie könnten auch schreien. Doch aufgrund der angenommen Absurdität der Aufforderung kommt es meist zu einem Lacher. Denn die Schenkel schmerzen beim Kiba dachi. Kiba dachi ist die Reiterstellung, da lässt man sich zwischen den auseinandergedrückten Knien in den Boden fallen – physisch, aber vor allem geistig. Und ich hatte mich damals als ich mit Karate anfing auch gefragt: Wie soll ich mich bei den Schmerzen und der Anstrengung fallen lassen? Wie frei fühlen? Ich möchte nur, dass die Übung schnell aufhört und ich die Beine entspannen kann.

Zumal, wenn alles in den Boden gedrückt wird, die Schultern auch hängen gelassen werden sollen. Als Kind und Jugendlicher wurde mir immer gesagt: „Lass die Schultern nicht hängen. “ Das muss ich mir selbst nun austreiben, da sitzt die Erziehung tief.

Doch es tut gut, die Schultern, den Nacken und die Arme hängen zu lassen – gerade wenn man wie ich viel am Schreibtisch sitzt. Und wenn dann so richtig stressige Zeiten über mehrere Wochen andauern, in denen viele Magazine parallel laufen und ich nur in den frühen Morgen- und späten Abendstunden zum Schreiben komme, da tagsüber mit den Kunden, den Layoutern, der Druckvorstufe und der Druckerei Termine abgestimmt, mit Autoren Texte besprochen und Bilder ausgesucht werden müssen, dann hat es sich als sehr hilfreich erwiesen, sich innerlich mitsamt den Schultern schnell fallen lassen zu können. Das ist Entspannung. Der Nacken, eine Problemzone in stressigen Zeiten, verkrampft weniger schnell oder überhaupt nicht. Die Arbeit geht leichter von der Hand. Oder halt ins Telefon, eine E-Mail oder die Textdatei.

Und nicht zuletzt nimmt durch das Training die physische Ausdauer und Fitness zu. All das wirkt sich nicht nur auf den Arbeitsalltag, sondern das gesamte Leben aus. Es stellt sich von selbst eine gewisse Art der Demut ein. Und Respekt. Zum Beispiel verbeugt man sich beim Paartraining immer voreinander. Auch am Beginn und Ende jedes Training wird diese Geste vollzogen. Die Trainingsanzüge, Karate-Gi genannt, haben keine Taschen. Es ist also nicht möglich, seine Hände zu verstecken oder sie cool wegzustecken. Und mit verschränkten Armen habe ich bei Erklärungen, wenn ich mich richtig erinnere, auch noch niemals jemanden dastehen sehen. Alles Charakterzüge und Verhaltensweisen, die so auch im alltäglichen Auftreten ihren Einzug finden. Das finde ich gut, ohne mit all dem ins Esoterische abdriften zu wollen. Eher ins Philosophische.

Und: Beim Fallenlassen stößt man natürlich auch an seine eigenen, seine inneren Schranken, Barrieren und Mauern. Das ist vielleicht der wichtigste Aspekt bei all den physisch und manchmal auch psychisch anstrengenden – hier jetzt vor allem Qi Gong – Übungen. Wenn sich diese Hindernisse aufgelöst haben, dann hat das etwas mit Freiheit zu tun.

An diesem Punkt fällt mir immer diese eine Star Trek-Folge ein (Kenner verzeihen mir jetzt bitte den möglichen Fehler, es könnte auch Raumschiff Enterprise oder der dritte Name der Serie sein, zumindest ist es die einzige Folge, die ich fest in Erinnerung behalten konnte), in der sich eine Frau alleine durch Kontemplation in ihre Atome auflöst und eins mit der Materie wird. Womit ich wieder beim Frei sein angekommen bin.

Doch der Anlass zu diesem ganzen Text entsprang der einfachen Beobachtung heute: Es ist interessant, wie schnell man (es gab jetzt drei Wochen Trainingspause wegen Weihnachten und Neujahr) wieder innerlich dicht macht. Einige schon bewältigte Stufen muss/will man nun wieder erneut überwinden.

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