Der Wandel im Reuterkiez schreitet voran

Ich habe nichts dagegen, dass sich Viertel ändern, das ist der Lauf der Zeit. Aber wenn ich das Gefühl bekomme, es geht um Gleichschaltung, dann überkommt mich schon ein ungutes Gefühl.

So wie hier im Reuterkiez, dem nördlichen Neukölln, der gerade boomt. Die Mieten steigen, die Geschäftsinhaber wechseln, die Eckneipen verschwinden mitsamt ihrem Inventar und dem Stammpublikum. Dort, wo bis letzten Monat noch ein kleiner Bäcker drin war, ein Treffpunkt zahlreicher Straßenbewohner, dort soll nun ein italienischer Feinkostladen einziehen. So mutmaßen die, die es wissen müssen, da sie hier schon lange und noch leben und vieles im Blick haben.

Auch der Trödel unten im Haus wechselt sein Geschäftskonzept. Statt wie sonst freitags immer auf die Stadtteilversteigerungen zu fahren, wo ganzer Wohnrat unter den Hammer kommt, den er dann verkaufen kann, setzt er von nun an auf das Partyvolk, das allabendlich durch die Straßen zieht – manchmal auch fällt, mitsamt der Flaschen in der Hand. Er sieht eine Zukunft darin, in einem Spätkauf zu stehen. Gerade baut er um. Immerhin ist er zum Change bereit.

So werden von nun an nicht nur in und vor all den Bars, die sich nicht wirklich unterscheiden – unverputzte Wände haben sie alle, ebenso eine schnell eingezogene Bar, und alte Wohnzimmermöbel scheinen sowieso Gesetz zu sein – zukünftig Trauben von Menschen stehen. Nein, sie werden auch direkt vor meiner Haustüre stehen. Sie werden den Weg versperren, ihren Unrat liegen und fallen lassen.

Und das bis in den Morgen hinein. Wenn ich mich auf den Weg zu meiner ersten Trainingseinheit mache, werden sie streitend rumstehen, manchmal auf knutschend. Oder sie werden einfach nur voll im Hauseingang liegen, allein und lallend.

Doch der untrügliche Beweis für den Wandel sind all die Kinderwägen. Wie bereits vom Prenzlauer Berg bekannt und vielfach beschrieben, beginnen auch hier ganze Batterien von ihnen vor Cafes und Kinderstuben zu stehen. Drinnen sitzen Mütter, ganz selten mal ein Vater, und fast immer ist der Nachwuchs das Thema.

Das ist allerdings immer noch besser als über all die Projekte zu reden, die man in Zukunft angehen wolle und die garantiert eine super gewinnbringende Geschichte sind. Das war nämlich mein Eindruck von Berlin, als ich hier vor neun Jahren ankam. Seifenblasen.

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