Ein Fan

Am Abend legt er sich bereits die Bücher des Autors zurecht. Alles Bücher dieses einen Autors. Manche Bücher hat er doppelt, manche sogar dreifach. Alle miteinander steckt er sie in einen Beutel, den er neben seine Aktentasche in den Flur vor die Haustüre stellt. So minimierte er das Risiko des Vergessens. Er schaut sich noch einen Film mit seiner Frau an, geht ins Bad und schließlich zu Bett.

Am nächsten Morgen frühstückt er, geht wieder ins Bad und zieht dann seinen grauen Anzug und ein weißes Hemd an. Um den Hals bindet er sich eine grüne Krawatte. Er nimmt seine Aktentasche und den Beutel mit den Büchern, verabschiedet sich von seiner Frau und verlässt das Haus. An der Haltestelle steigt er in den Bus, später in die S-Bahn. Er fährt in die Stadt, zu seiner Firma, in sein Büro. Um 9 Uhr beginnt er mit der Arbeit. Gegen 13 Uhr macht er Mittagspause in die Kantine. Er trifft sich dort mit einem Kollegen. Nachmittags hat er noch ein Meeting. Um 19 Uhr macht er Feierabend, fährt aber nicht direkt nach Hause.

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Kurz vor 19.30 Uhr betritt er den Raum in der Gedenkstätte, in der die Lesung stattfinden soll. Er sucht sich einen freien Platz. Unter seinen Stuhl schiebt er die Aktentasche und den Beutel. Darauf legt er seine dick gefütterte Winterjacke und seinen Schal. Kurz danach kommt der Autor, liest aus seinem aktuellen Buch und beantwortet die Fragen des neben ihm sitzenden Literaturkritikers. Keiner der Zuschauer hat eine Frage an den Autor. Die Lesung ist beendet. Er selbst hat während der gesamten Lesung dem Autor zugehört – meist mit einem leichten Lächeln auf dem Gesicht. Jetzt tritt er an ihn heran und fragt, ob dieser ihm all seine Bücher signieren würde. Es seien allerdings einige, die er dabei habe. Der Autor sagt: „Dann zeigen Sie mal, wie viele es sind.“ Er legt 17 Bücher auf den Vorlesetisch vor den nun sitzenden Autor. Der Schriftsteller beginnt, seine Unterschriften auf Seite 3, 5 oder 7 zu setzen, während er sich mit dem Literaturkritiker und einigen Bekannten unterhält.

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