Seife aus Nablus

Vor wenigen Jahren war ich für zehn Tage im Westjordanland unterwegs. Es hatte sich eine gute Gelegenheit dazu ergeben, da ein Freund dort arbeitet und ich so eine Anlaufstation hatte. Während er tagsüber arbeitete, reiste ich durch den schmalen Streifen an Land, fuhr jeden Morgen von Ramallah aus mit einem Sammeltaxi in eine andere Stadt und kam abends wieder zurück. Es war eine der spannendsten Reisen, die ich jemals unternommen habe.

Wenn möglich, hatte man sich in den Taxis nach Geschlechtern aufgeteilt zu setzen. Auf einer der Sitzreihe saßen Frauen, auf der anderen Männer. Allerdings geht dieses Prinzip nicht immer auf. Während der Fahrt dann reicht man den Fahrpreis nach vorne zum Fahrer, der dabei munter weiterfährt. Während er das Wechselgeld aus seinem Beutel sucht. Feste Abfahrtzeiten scheint es nicht zu geben. Es geht los, sobald das Auto voll besetzt ist. Das dauerte in den meisten Fällen aber nicht besonders lange.

Es ist Hochsommer, die Temperatur täglich über 30 Grad Celsius und ich stehe an einem der Vormittage in der Innenstadt auf einem Platz von Nablus. Früh morgens war ich mal wieder aufgebrochen, der Muezzin hatte sehr früh zum Morgengebet gerufen.

Dort komme ich mit einem Studenten ins Gespräch, der gerne in Deutschland studiert würde. Doch er darf das Westjordanland nicht verlassen, sagt er. Von Düsseldorf habe er schon einmal gehört, die Stadt am Rhein würde er gerne mal besuchen.

Als ich auf der anderen Seite des Platzes eine Seifenfabrik entdecke, frage ich ihn, ob er mich begleiten möchte. „Ja, sehr gerne“, sagt er auf Englisch, er könne dann auch gleich übersetzen. Zudem interessiere auch ihn die Produktion.

Fabrik ist vielleicht etwas übertrieben: Es handelt sich um einen zweistöckigen Flachbau mit Keller. Das obere Stockwerk wäre in Berlin wahrscheinlich ein ausgebautes Loft.

Wir treten unten ein und fragen im ersten Büro, ob wir uns mal umsehen dürfen. Kein Problem. In Deutschland wäre das wahrscheinlich undenkbar. Es ist der Besitzer der Fabrik mit angeschlossenem Laden, der uns dann durch das Gebäude führt und uns die einzelnen Schritte erklärt.

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Fünf Tage dauert ein Zyklus etwa. Immer wieder wird Olivenöl mit Wasser vermischt. Es wird gerührt und erhitzt. Dann kühlt die Mischung ab. Dieser Vorgang wiederholt sich mehrmals. Ist der richtige Zeitpunkt erreicht, wird die Masse im oberen Stockwerk ausgestrichen. Sie wird nach gewünschten Größen geschnitten. Die Seifenstücke werden zu hochaufragenden Türmen geschichtet.

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Und am Ende des Produktionsprozesses sitzt dieser Mann. Auf dem Boden vor einem kleinen Schemel. Er verpackt die einzelnen Seifenstücke. 7.000 am Tag, sagen sie mir. Ich habe niemals so schnelle Hände gesehen. Das Verpacken einer Seife ist Sekundensache. Und dabei huscht ihm noch ein Lächeln über sein Gesicht.

Meinen Begleiter, den Studenten, frage ich noch, ob ich ihn als Dank zu etwas einladen darf. Er muss weiter. Fügt aber an: „Dies ist meine Kultur hier. Ich freue mich, sie zeigen zu können. Das mache ich gerne.“

 

App zum Siedlungsbau

Wer sich mal einen Überblick über den Siedlungsbau im Westjordanland machen möchte, kann dies ganz gut auf einer Seite von Americans for Peace Now (APN) machen – mit iPhone-App.  Dort wurden sämtliche Daten über Siedleraktivitäten zusammengetragen. Man sieht sehr schnell, warum der Konflikt so kompliziert und schwer zu lösen ist.

Going in- and outside. Oder auch nicht.

Es ist heiß. Die Sonne brennt auf das kaum bewachsene Land, auf die rotbraune Erde. Am Straßenrand sehe ich immer mal wieder alleine in der Landschaft stehende, aus Planen aufgespannte Zelte. Manchmal liegen einige magere Ziegen davor. Es ist still, Bewegung ist da draußen kaum auszumachen. Auf einigen Hügelkuppen weht ein leichter Luftzug durch die offenen Fenster des Sammeltaxis, mit dem ich an diesem Tag auf dem Weg nach Jerusalem bin. Es ist voll, zu sechst sitzen wir in zwei Dreierreihen hinter dem Fahrer, im Kofferraum einiges an Gepäck der Mitreisenden. Ich selbst habe kaum etwas dabei, bin der einzige Europäer und will abends wieder zurück nach Ramallah.

Am Checkpoint Qalandiya, da wo es von der Westbank nach Israel geht, direkt nach Südjerusalem, müssen wir das Taxi verlassen – mitsamt dem Gepäck. Der Taxifahrer wird den Checkpoint mit dem Kleinbus an einer dafür vorgesehenen Stelle überqueren, wir anderen stellen uns in eine Schlange von anderen Wartenden. Die Stimmung ist angespannt. In vielen Schlangen geht es kaum voran. Irgendwann komme ich in einen Gittergang, der so schmal ist, dass man nur noch einzeln hintereinander herlaufen kann. Links Gitter, rechts Gitter, oben Gitter. Es folgt ein Drehkreuz, das immer mal wieder blockiert wird – manchmal steht gerade jemand darin. Dann sind Container zu passieren. In denen sitzt israelisches Militär. Die meisten von denen sind wohl so 18 oder 19 Jahre alt. Über einen Lautsprecher kommunizieren sie mit den Vorbeilaufenden.

Etwa fünf Personen vor mir passieren gerade drei Araberinnen die Panzerglasscheiben. Über die Lautsprecher werden sie auf hebräisch zu irgendetwas gebeten. Ich verstehe es nicht, die drei Frauen auch nicht. Sie werden angeschrien, erst weiter auf hebräisch, dann auf Englisch. Sie verstehen es noch immer nicht. Sie sollen die Arme nach oben strecken und an den Scheiben vorbei laufen. Ein hinter ihnen stehender Mann übersetzt es ihnen. Pässe und Genehmigung sind durch die Scheibe zu zeigen. Manchmal müssen sie auch durch eine Schiebevorrichtung in das Innere des Containers gereicht werden. Das Gepäck passiert auf einem Förderband Sensoren – wie am Flughafen.

Auf der anderen Seite wartet das Taxi. An diesem Tag kommen alle Mitfahrer durch die Kontrollen. Mir wird erzählt, dass dies nicht immer so ist. Einige Menschen habe demnach nicht die Berechtigung, die Grenze zu passieren.

Den Schnauzer auch?

Nachdem ich den kleinen Frisierladen betreten und Platz genommen hatte, füllte der sich langsam. Plötzlich standen außer dem jungen Friseur und seinem Bekannten, mit dem er sich zuvor auf der Straße unterhalten hatte, noch vier weitere junge Männer in dem Raum und sahen zu, wie ich rasiert wurde. Was Haare schneiden in Deutschland kosten würde, wollten sie wissen und waren über den hohen Preis erstaunt. Und wo ich herkommen würde, was dort gerade für ein Wetter sei, was ich in der Westbank wolle, wo ich schon gewesen sei, was ich noch sehen wolle, ob ich in dem Gebiet jemanden kennen würde, ob es mir gefallen würde, ob ich arabisch könne, wie alt ich sei, ob viele der Deutschen blond seien und warum ich mir nicht den Schnauzer stehen lassen wolle – dass der auch weg sollte, konnten sie überhaupt nicht verstehen -, die Fragen flogen mir nur so entgegen. Und: „Soll ich noch die Härchen über Ihrem Bartansatz entfernen? Wir machen das hier mit einem Faden und das sieht dann noch besser aus.“

Nach dem Rasieren wurden mir warme und gut duftende Handtücher auf das Gesicht gelegt, die Haut beruhigt sich. Und nach 20 Minuten tritt man entspannt und gut gelaunt zurück in die Hitze der Stadt.

Einreise nach Israel

Das hatte ich mir anders vorgestellt, auch wenn ich schon zahlreiche Geschichten über die Einreise nach Israel gehört hatte. Zwei bis drei Stunden könne ich befragt werden, mancher sei sogar gleich wieder in ein Flugzeug zurück nach Deutschland gesetzt worden, wenn er den dortigen Sicherheitsbeamten nicht geheuer war. Ich wollte nach meiner Ankunft in Tel Aviv nach Ramallah weiterreisen. Mein Gastgeber dort, ein Deutscher, gab mir den Rat, wenn möglich, solle ich dieses Ziel nicht bei meiner Einreise nennen, ansonsten könne es sein, dass ich ein längere Frageprozedur über mich ergehen lassen müsse.

Das musste ich auch so. Da ich alleine reiste, fiel ich wohl besonders auf und wurde sofort nach dem Ausstieg in einer der üblichen schwülen Sommernächte der schönen und lebendigen Küstenstadt Tel Aviv von einer Sicherheitsbeamtin zur Seite gebeten. Wer ich sei, was ich wolle, was der Anlass des Besuchs sei, was ich beruflich mache, wen ich in Israel kenne, was ich mir alles ansehen wolle, wer meine Auftraggeber seien, ob ich von dem Job leben könne, wie ich plane, mich fortzubewegen, wo ich wohnen wolle, all das wurde ich mehrere Mal hintereinander gefragt. Eine einmalige Antwort genügte der Beamtin, die inzwischen einen Kollegen hinzugezogen hatte, nicht. Sie hoffte auf eine Ungereimtheit in meinen Antworten, wollte sehen, ob ich mir selbst irgendwann widersprach. So wiederholte sie immer wieder die gleichen Fragen, etwa 45 Minuten lang. Irgendwann ihre Bemerkung, dass ich etwas nervös sei. Darauf konnte ich nur noch antworten, inzwischen leicht genervt: „Es ist ungewöhnlich für mich, so in einem Land, das ich besuche, begrüßt zu werden. “ Nach weiteren zehn Minuten durfte ich plötzlich ohne ersichtlichen Grund weiter, durfte mich an der Passkontrolle anstellen. „Vielleicht werde ich dort nochmals befragt“, dachte ich. Dem war aber nicht so.

M�nner vor einem Cafe in Ramallah

Nach etwas mehr als eineinhalb Stunden konnte ich als letzter des Flugs Berlin-Tel Aviv mein Gepäck vom Förderband nehmen. Mein Bekannter wartete am Ausgang. Ein Uhr in der Früh war inzwischen rum. Wir fuhren aus der Stadt, die Luft wurde mit jedem Kilometer, den wir uns von Tel Aviv entfernten, milder. Die Gegend wurde hügeliger, ein angenehmer Wind kam auf. Wir überquerten den Checkpoint Qalandiya, zu dem es später mehr geben wird, und ich hatte den Ausgangspunkt für einige Ausflüge in die palästinensischen Autonomiegebiete erreicht.